1000 Jahre auf hohem Thron

Die Neuburg - Adelssitz und Künstlerschloss am Inn

Die Sonne strahlt. Mächtig erstreckt sich der Inn zu unseren Füßen. Unter uns führen Rad- und Wanderwege von und nach Passau oder Schärding. Wir stehen am Aussichtspunkt Südzwinger. An der historischen Neuburg.

von Petra Anzenberger

Eines der imposantesten Schlösser im Passauer Land. Mit einer fast 1000-jährigen Geschichte übt die Neuburg noch heute eine große Faszination auf die Menschen aus. Sie diente ihnen im ostbayerisch-österreichischen Grenzgebiet über Jahrhunderte hinweg als Festung, Adelssitz und Künstlerschloss. 

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Schloss Neuburg am Inn von oben – © Kulturreferat Landkreis Passau - Fotograf Wolfgang Hartwig

"Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Neuburg der Verwaltungsmittelpunkt der Grafschaft Neuburg und gehörte zum Habsburgischen Herrschaftsgebiet.  Erst seit 1803 ist sie Bayerisch", verrät Kreisheimatpfleger Dr. Wilfried Hartleb. Der freundliche Mann mit Sonnenhut war etliche Jahre Kulturreferent des Landkreises und erforschte die Neuburg wie kein anderer. Erbaut hatten sie die Grafen von Vorbach um 1050. Ihre Besitzungen erstreckten sich vom Herrschaftsgebiet am Unteren Inn, also Vorbach, Suben , Griesbach, Windberg bis nach Vilshofen und Engelhartszell an der Donau.

Spaziergang durch die Geschichte

Vom Burgtor hinaus spazieren wir gen Paradiesgarten. Seinem Namen macht das Kleinod mit Grotte alle Ehre. Der Blick unbezahlbar: Vor uns erstrecken sich die Anhöhen des Inntals. Dort traf man einst Grafen, Ritter und ihre Auserwählten, aber auch die Fürstbischöfe von Passau beim Lustwandeln. Das Wasser des Brunnens plätschert. Ein Ort der Entspannung. Den Grundstein dafür legte Graf Niklas von Salm (1503 bis 1550), der Hofkämmerer König Ferdinands I., im Jahre 1529. In der Zeit als die Neuburg ein völlig neues Gesicht erhielt. Von der mittelalterlichen Wehranlage baute er sie zum Schloss mit Erlebnisgarten und wundervollem Arkadenhof aus Terrakotta um. "Ihr Barockes Antlitz erhielt die Neuburg aber dann von Graf Georg Ludwig von Sinzendorf (1616 bis 1689). Er war es auch, der den Paradiesgarten maßgeblich prägte und die Gartengrotte errichtete. Durch den Kalvarienberg mit seinen monumentalen Skulpturen, der gewaltigen Mariensäule und den Einsiedlerhütten wurde die gesamte Neuburg für den frommen Grafen zu einer religiösen Kultstätte im katholisch- gegenreformatorischen Sinn - vor den Toren der Bischofsstadt Passau", sagt der Heimatpfleger, als wir uns auf den Weg zur Gartengrotte begeben. Nach den Zerstörungen des Spanischen Erbfolgekrieges (1703/1704) ließ sie Graf Johann Jakob Hamilton wieder instandsetzen.

Jagd und Kunst auf der Neuburg

Eindrucksvolle Wasserspiele ummalten die landschaftliche Besonderheit des Gartens, ganz im Sinne der damaligen Zeit. "Nach 1730 wurde die Neuburg zu einem Jagdschloss der Passauer Fürstbischöfe", lässt uns Dr. Wilfried Hartleb wissen. Im Zuge der Säkularisation ging sie 1803 an Bayern über und wechselte mehrmals den Besitzer. Ein Brand beschädigte die Schlossanlage 1810 schwer. Beraubungen und Verwüstungen folgten. Die Neuburg war zur Ruine geworden. 1908 drohte der Abriss. Sie sollte als Steinbruch ausgeschlachtet werden! Der Passauer Kunstverein bewahrte sie in Zusammenarbeit mit dem Heimatschutz davor und rettete die Neuburg für die nächsten Generationen. "Beim Neuaufbau, Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die historische Bausubstanz weitgehend bewahrt. Mit wunderschön ausgestatteten Gästezimmern diente sie ab 1922 als Erholungsheim für unterstützungswürdige Künstler", erklärt der Heimatpfleger. Seit 1998 ist die - von jeder Stilepoche geprägte Neuburg - im Besitz des Landkreises Passau. Der erhält das bedeutsame kulturgeschichtliche Bauwerk, pflegt und erforscht es. In einem ihrer markantesten Räume ist daher auch die Landkreisgalerie untergebraucht. Sie bietet Raum für wechselnde Ausstellungen bedeutender regionaler Künstler und erzählt von einst, als sich hier Grafen und Ritter, Fürstbischöfe und Jagdherren die Klinke in die Hand gaben. Sie tafelten in einem der drei Marmorsäle, genossen heitere Runden im Rittersaal oder dinierten im Landkreissaal, wo heute viele Hochzeiten stattfinden. Genau wie in der gotischen Burgkapelle der Neuburg.

Der Weg führt uns weiter. Umgeben von den gewaltigen Burgmauern erklimmen wir etliche Stufen. "Von den Türmen der Neuburg reicht der Blick auf die Höhenrücken des Neuburger Waldes zwischen Donau und Inn bis hin zum Ortenburger Land, das sich im Westen erstreckt", sagt Kreisheimatpfleger Dr. Wilfried Hartleb. Wir sind oben angekommen. Am Turm der Vorburg. Eindrucksvoll lassen wir den Blick gen Himmel schweifen. Die Sonne strahlt. Heiß ist es hier im Juli. Zeit für eine kleine Erfrischung! Wo? "Natürlich in der Hoftaferne. Hier haben bereits die Grafen gefeiert, gelacht und getanzt", verrät Dr. Wilfried Hartleb. Wir steigen hinab und verlassen die Vorburg. Vorbei am Paradiesgarten gehen wir zur Hoftaferne. Das historische Bauwerk steht ein paar Meter abseits von der

Tafeln wie die Grafen

Die Hoftaferne gehört seit vielen Jahrhunderten zum Schloss. Erdgeschoss und Eiskeller stammen wohl von 1440. Graf Sinzendorf ließ darüber eine Wirtswohnung, einen Tanzboden und sieben Gästezimmer errichten. Eines davon trug den Namen Hochzeitsstube.

 

Das zeigt, dass die Hoftaferne ein ganz besonderes Wirtshaus für die Bürger der Grafschaft Neuburg war. Sie diente als Mittelpunkt für gastronomische und gesellschaftliche Ereignisse. Schließlich oblag es in damaliger Zeit den Landesherren, also Grafen, Fürsten, Herzögen, Königen, aber auch den Edelleuten und Klöstern, Wein oder Bier an ihre Untertanen auszuschenken, das heißt: Tafern zu halten", erklärt der Kreisheimatpfleger als wir den Biergarten betreten. "Verlobungen, Hochzeiten, Taufen und Toten-Mahle hielt man hier ab", fährt er fort.

 

Hinter uns die Kulisse der Neuburg, unter uns der Inn. Gegenüber die prächtigen Innauen. Alte Kastanienbäume säumen den Biergarten. Was sie uns wohl zu erzählen hätten? Vermutlich nicht ganz so viel wie die zwei Delphine, alte Relikte aus dem Schlossgarten, die den Eingangsbereich der Hoftaferne zieren.

Aus alt mach neu

Von dort kommt uns Klaus Eglseder entgegen. Er ist Pächter und Chefkoch der Hoftaferne und kredenzt seinen Gästen neben gehobener Küche noch heute Kalbsbackerl, Tafelspitz oder Entenbrust. Speisen, die hier schon zu Zeiten Graf Sinzendorfs serviert wurden. Natürlich modern interpretiert, mit hochwertigen Zutaten, exquisiten Gewürzen und leichteren Beilagen. Dennoch spürt man das Ursprünlgiche, die bewegte Vergangenheit des Gemäuers. Alte Eichendielen zieren die Gasträume, genauso wie Holzvertäfelungen aus den vorigen Jahrhunderten. Das Fensterglas ist mit gräflichen Wappen versehen. Das war es auch, was Küchenmeister Klaus Eglseder und seine Lebensgefährtin Andrea Ortner dazu bewegte, nach dem Jahrhunderthochwasser 2013 Schloss Ort zu verlassen und die Hoftaferne zu übernehmen. „Die dicken Mauern haben so viel zu erzählen. Man spürt, dass die Hoftaferne schon einiges erlebt hat – gute und schlechte Zeiten. Rauschende Feste. Genauso aber schweres Schicksal. Sie ist geprägt von den verschiedenen Menschen und Charakteren, die in unterschiedlichen Zeiten hier ein und aus gingen. Damit lebe und arbeite ich sehr gerne“, so der 38-Jährige. 

 

Spürbar wird seine Leidenschaft für das alte Gemäuer auch bei der Einrichtung. Regulatoren, historische Holzbänke und allerhand Antiquitäten sind perfekt abgestimmt mit weichen Fellen, Tafelsilber und modernen Elementen. Dort wo Klaus Eglseder heute alten Speisen modernen Hauch verleiht und Neues kreiert, waren einst Kühe und Pferde untergebracht. Schloss Neuburg versorgte seine Grafen selbst. 

 

Auch ein Weiher für die Fischzucht und zur Eisgewinnung waren essentiell. Sogar Bier wurde hier gebraut – für alle Wirtshäuser der Grafschaft. „Übrig geblieben ist davon nur noch das Gebäude der Mälzerei. Durch die häufigen Besitzerwechsel haben sich Utensilien und Bottiche verkommen“, bedauert der Wirt. 

Warum schreibt man die Hoftaferne Neuburg mit f?

Die Schreibweise der Hoftaferne wird vom Wort Tafeln abgeleitet. Die Grafen verlangten alle Hochzeiten, Taufen und anderen Feierlichkeiten der Grafschaft in der Hoftaferne abzuhalten. Das nannte man Tafern halten. Um Gäste bewirten zu dürfen, hatte der Pächter der Wirtschaft vom Grafen die Taferngerechtigkeit erhalten, das Recht der ersten Tafel und die schreibt man mit f. 

Genuss österreichisch-bayerischer Geschichte

Die Grafschaft war lange österreichisch, zwischenzeitlich dem Bistum zugehörig und ging nach der Säkularisation an Bayern über. Das prägt die Neuburger noch heute und spiegelt sich auch in der Küche der Hoftaferne wider. Die Speisekarte: bayerisch-österreichisch. Der Küchenmeister bewahrt gerne alte Gerichte, die in Vergessenheit geraten, wie Boefflamotte. Ein traditionelles Fleischgericht der bayerischen Küche. „Es wird hier seit Jahrhunderten gerne gegessen. Aber immer wieder abgewandelt“, sagt Klaus Eglseder. Grundzutat des Schmorbratens ist neben Rotwein ein Rinderschwanzstück, das mit Speck gespickt wird. „Das hat sicherlich auch den Grafen schon geschmeckt“, lächelt Wilfried Hartleb und fährt fort: „Heute geraten diese Gerichte mehr und mehr in Vergessenheit“. 

Als Beilagen dienen Kartoffeln oder Semmelknödel. Klaus Eglseder hat das klassisch-bayerische Gericht etwas abgewandelt und auf seine Gäste abgestimmt. Bei ihm kommt ein Boefflamott vom Schulterscherzl, also dem Bürgermeister- Stück, auf den Tisch. „Mit einer kräftigen Rotwein-Essig Soße, Speckwirsing und Semmelknödel“, verrät er. Das genießen wir nun im Biergarten. Zum Nachtisch gibt es warme Buchteln, gefüllt mit Marillen-Marmelade, dazu Mohnsoße und Vanilleeis. Herrlich. Die österreichisch- bayerische Geschichte der Neuburg – ein wahrer Genuss! 

 

Text: Zweckverband Tourist-Information Passauer Land 
© Donaudruck, Vilshofen 2018